Zum Verhältnis von Kunst, Alltag, Leben und Gesellschaft


Gustav Courbet, Strandszene, 1874

Der Antagonismus der Kunst

Die Diskussion um partizipative Kunst – durch Politik zur partizipativen Gesellschaft oder durch Kunst zur partizipativen Gesellschaft – ermangelt es vielfach einer Klärung von Begriffen, der historischen Bestimmung der Ausgangslage und vorangegangenen Diskussionen. Dabei sind die Fragestellungen nach dem, was Kunst ist, ebenso notwendig, wie danach, was Politik ist. In den Fokus rückt dabei nicht die Aneinanderreihung verschiedener Kunstbegriffe, die heute scheinbar alle pluralistsich ungestört neben einander stehen dürfen, sondern die Betrachtung allgemein objektiver Gehalte. Roger Behrens formuliert es in der Ausgabe von Kunst, Spektakel, Revolution von 2010 wie folgend: „Die Ansicht, dass jeder ’subjektiv‘ oder ‚für sich selbst bestimmt‘, was Kunst ist, ist zwar idiotisch (im wörtlichen Sinne) bezeichnet aber objektiv die gegenwärtige gesellschaftliche Situation der Kunst und ihrer Ideologie“.
So lässt sich das Verhältnis auch von einer anderen Seite betrachten: Was Kunst heute ist, ist „Resultat der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und insofern aus der Dialektik von Kunst und Gesellschaft selbst zu bestimmen“ (Roger Behrens).
Eben genau dieses Verhältnis gerät Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts in den Blick künstlerischer Avantgarde. Martin Büsser verfolgt in dem Aufsatz Von der Avantgarde zur Selbstreferenzialität, ebenfalls in der erwähnten Ausgabe, den Weg der Kunst weg von der Repräsentation von Herrschaft von Staat und Kirche hin zu einer Kunst, deren Sujet frei wählbar wird. Unter diesem Aspekt lassen sich die Landschaftsbilder Gustav Courbets als Provokation verstehen, da sie nicht dem üblichen Kanon was künstlerisch ist und gezeigt werden darf widerstrebten. Ihre Weigerung sich in den Dienst der herrschaftlichen Darstellung nehmen zu lassen stellt in diesem Sinne den Affront dar.
In der bürgerlichen Gesellschaft kann Kunst als Sphäre zweckfreien Schaffens erscheinen, die Trennung von Kunst und Lebenspraxis ist selbst historisch und unter der Bedingung der Loslösung von Herrschaftsrepräsentation zu sehen. Nach Eiko Grimberg in Spektakel. Kunst. Gesellschaft (Grigat; Grenzfurther; Friesinger, 2006) dient die Kunst „der Darstellung des bürgerlichen Selbstverständnisses, Produktions- und Rezeptionsebene sind voneinander geschieden“. Meines Erachtens lassen sich zwei Überlegungen festhalten, die sich aber nicht konträr gegenüber stehen: Mit Freud gesprochen und seinen Überlegungen zur Kultur kann einerseits von künstlerischem Schaffen die Rede sein, was anthropologisch und historisch je eine Rolle spielte, als Form der Nachahmung und Bewältigung von Natur, wobei jede Imitation, oder Mimesis, wiederum etwas neues hervorbringt. Diese Form künstlerischen Schaffens ist unmittelbar mit der Lebenspraxis verbunden, sie ist Teil dessen sowie zu ihrem Nutzen. Gesellschaftshistorisch stellt es sich in der Entwicklung von Kultur und Gesellschaften hin zur Arbeitsteilung von Kopf- und Handarbeit und der polit-ökonomischen Ordnung von Feudalgesellschaften wiederum auch anders dar. Dabei wird der Aspekt der Repräsentation von Kunst vorherrschend, der sich nicht an die Lebenspraxis der Einzelnen anbindet, sondern zur Darstellung von Herrschaft funktioniert wird. Nach der Herauslösung aus diesem Zusammenhang konnte sich das Ästhetische der Kunst, die als Ort von Ideen und Wünschen auftritt, entfalten und entwickeln. Die Verwirklichung der Kunst, als autonome und ästhetischer Freiraum, habe allerdings zur Kehrseite, dass sie gesellschaftlich folgenlos bleibe.

Nach Herbert Marcuse können in der Kunst all jene Bedürfnisse und Wünsche Eingang finden, die aus dem Alltag der warenproduzierenden Gesellschaft verdrängt wurden. Die Rolle der Kunst ist eine antagonistische: Zum einen entwirft sie das Bild einer besseren Gesellschaft und protestiert damit gegen das schlechte Bestehende. Indem sie allerdings das Utopische im Schein der Fiktion verwirklicht, verunmöglicht sie die reale Veränderung. Kritische Intention und affirmative Wirkung bilden eine Einheit. Eiko Grimberg

Die Rollen und Funktionen von Kunst können nicht ohne die gesellschaftlichen und historischen Bedingungen verstanden werden. Dabei sind auch die ökonomischen zu betonen, da durch die Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft erst gesellschaftlich die Möglichkeit solcher Entfaltung geschaffen wurde. Doch auch die ökonomischen Bedingungen wirken auf die Kunst ein. Mit der Entfaltung der kapitalistischen Gesellschaft haben sich neue, aus den vorherigen Bestimmungen entwickelte Bedingungen ergeben. Mit der Freistellung von der Herrschaftsrepräsentation tritt die Kunst auf den Markt. Die KünstlerInnen sind ja eben nicht von Arbeit freigestellt sondern müssen ihren Lebensunterhalt bestreiten, auch sie müssen gewissermaßen Mechanismen der Lohnarbeit folgen. Das aufstrebende Bürgertum bringt gleichermaßen Produzenten wie auch Konsumenten der Kunst hervor. Die Autonomie der Kunst kann sich unter den Bedingungen des Tausches eigentlich jedoch nicht verwirklicht sehen. So formuliert Theodor W. Adorno in der Ästhetischen Theorie:

„Fürs Herrschaftslose steht nur ein, was sich jenem (dem Tausch nicht fügt; für den verkümmerten Gebrauchswert das Nutzlose. Kunstwerke sind Statthalter der nicht länger vom Tausch verunstalteten Dinge“.

Die Kunst ist einerseits davon befreit bloßer Alltagsgegenstand und Ware zu sein. Aber wie steht es um die gesellschaftliche Stellung der KünstlerInnen? Die Glücklichen unter ihnen, waren adelig oder bürgerlich, die anderen waren stets auf die Förderung von Besitzenden angewiesen. Anhand der Etablierung und Freiwerdung der Kunst, die erst durch die bürgerliche Revolutionen denkbar wurde, wird allerdings deutlich, welche Makel die bürgerliche Gesellschaften beerbt hat. Abhängigkeiten sind nicht einfach verschwunden, sondern treten in vermittelter Form in den Beziehungen, in der Arbeit und dem Tausch auf. Die Kunst scheinbar losgelöst von der Warenwelt fungiert dabei als Trägerin nicht verwirklichter Utopie und behält sie gleichzeitig für sich ein. Utopien laufen Gefahr einzig in der Kunst gehört zu werden, und als Kunst – und deshalb nicht Lebenspraxis – antizipiert zu werden. Nicht nur formal, sondern auch inhaltlich rückt in der Zeit der Moderne die Frage nach der persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit in den Fokus.

Die Frage der Kunst ist identisch mit der Frage nach der menschlichen Freiheit, nicht mehr und nicht weniger. Carl Einstein