Zur Klärung der Begriffe

Kunst und Politik im totalitären Zeitalter

Aus der übersetzten Veröffentlichung (1998) Herbert Marcuses Typoskript Some Remarks On Aragon: Art and Politics in the Totalitarian Era von 1945.

Die fortschreitende Assimilation allen Inhalts an die monopolistische Massenkultur stellte den Künstler vor ein spezielle Problem. Kunst, als ein Mittel der Opposition, hängt von der entfremdenden Kraft der ästhetischen Schöpfung ab: von ihrer Stärke, fremd, antagonistisch, transzendent gegenüber der Normalität und als das Reservoir der unterdrückten Bedürfnisse, Fähigkeiten und Wünsche des Menschen zugleich wirklicher als die Wirklichkeit der Normalität zu bleiben. […]
Das Politische ist die absolute Negation und der absolute Widerspruch. Aber das Politische darzustellen, würde bedeuten, es als Inhalt zu setzen und damit dem monopolistischen System zu überlassen. Das Politische muß eher außerhalb des Inhalts bleiben: als das künstlerische Apriori, das vom Inhalt nicht absorbiert werden kann, aber selbst allen Inhalt absorbiert. Das Politische wird dann nur in der Weise erscheinen, in welcher der Inhalt gestaltet und geformt wird.
Der Inhalt als solcher ist irrelevant und kann alles sein (weil alles heute das Objekt der totalitären Herrschaft und deshalb der Befreiung ist), aber er muß auf solche Weise gestaltet werden, daß er das negative System in seiner Totalität und zugleich die absolute Notwendigkeit der Befreiung enthüllt. Das Kunstwerk muß im Augenblick seiner Krise die Existenz von Mensch (und Natur) in ihrer ganzen Nacktheit herausstellen, allen Zubehörs der monopolistischen Massenkultur beraubt, vollkommen allein, im Abgrund der Zerstörung, Verzeiflung und Freiheit. Das revolutionäre Kunstwerk wird zugleich das esoterischste, das am meisten antikollektivistische sein, weil das Ziel der Revolution das freie Individuum ist. Die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise und Sozialisationsform, die Liquidierung der Klassen sind nur die Vorbedingung für die Befreiung des Individuums. Und diese Befreiung ist erst erreicht, wenn jeder nach seinen Bedürfnissen leben kann. […]
Dieses Ziel darzustellen, bedeutet bereits, es zu entstellen. Seine Aktualität ist so offensichtlich, seine Möglichkeit so wirklich, seine Notwendigkeit so dringend, daß seine bloße Formulierung lächerlich wirkt. Das Ziel ist in solchem Maße realistisch, daß es nicht länger eine Sache von Theorie, Darstellung, Definition und Formulierung sein kann.
Aus demselben Grund kann es hier keine künstlerische Rettung dieses Ziels geben. Kunst ist wesentlich unrealistisch: Die Wirklichkeit, welche sie hervorbringt, ist der anderen, realistischen Wirklichkeit gegenüber fremd und antagonistisch, die sie negiert und der sie widerspricht – um der zu verwirklichenden Utopie willen. Aber Befreiung ist realistisch, ist politische Handlung. Konsequenterweise wird in der Kunst der Inhalt der Freiheit nur indirekt, in etwas anderem und durch etwas anderes hervorscheinen, das nicht das Ziel ist, aber die Kraft besitzt das Ziel zu beleuchten.