Künstlerische Kunstpädagogik

Unter diesem Titel fand vom 4.-5. Oktober in Gießen eine Tagung veranstaltet von Carl-Peter Buschkühle und dem Institut für Kunstpädagogik statt. Warum ich davon berichten will? Diese Tagung war – neben der Buko12 Auftakttagung Part01 – Wie viel Kunst braucht die Kunstpädagogik? im November 2010 – meine erste Tagung als Besucherin, nur dass ich bei Buko12 Part01 unvorbereitet reinschlitterte und auch während der Veranstaltung nur sehr fragmentarisch folgen konnte. Ich möchte mit diesem kleinen Bericht kurz beschreiben, was bei dieser Tagung besprochen wurde, was ich besonders anregend fand, oder die meisten Fragen oder Einwände hervorbrachte. Darüber hinaus glaube ich, dass dieser Überblick auch dazu taugen kann, den Bereich der künstlerischen Bildung vorzustellen.
Thema war es, an der Kunst ausgerichtete kunstpädagogische Positionen und Konzepte vorzustellen und zu diskutieren. Dafür wurden Referent_innen mit verschiedenen Schwerpunkten und aus unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern der Kunstpädagogik eingeladen, die unterteilt in verschiedenen Sektionen einen Schwerpunkt vorstellten und diskutierten.

Word-Cloud aus den Abstracts der Vorträge zur Tagung

Es gab eine thematische Struktur, da die einzelnen Sektionen Themen zugeordnet waren. Nach kurzen Vorträgen der einzelnen Person des Panels war Diskussion zunächst untereinander danach mit dem Plenum vorgesehen. Bis auf die Performance von Wolfgang Sautermeister war der gesamte Ablauf vorhersehbar und auf die jeweiligen Präsentationen beschränkt, wobei als Zuhöher_in nur zur anschließenden Diskussion sich eingebracht werden konnte. Ein Großteil der Vorträge bestand aus vorgestellten (Unterrichts-) Projekten, wobei m.E. sowohl die Trennung als auch die Verbindung der Perspektiven auf Praxis und Theorie schwierig war oder noch ein paar Schritte der Abstraktion und Reflexion mehr bedarft hätten. So standen für mich kunstpädagogische Projekte neben theoretischen Schlüssen, ohne dass deren Vermittlung oder Überführung in einander mir klar gewesen wäre, oder mir die Zeit dieser Auseinandersetzung geblieben wäre.
Es folgt nun also eine selektive Darstellung des Diskutierten:
Das erste Panel widmete sich den Konzepten um Kreativität und künstlerischem Handeln dabei wurde die Rolle der vermittelnden Personen herausgestellt, wobei diese sich ambivalent gestaltet. Einerseits wird sie als gesamte Person, mit all ihren Fähigkeiten und Empfindsamkeiten gefordert, wenn es darum geht Situationen der ästhetischen Erfahrung zu erzeugen (Beispiel „Im Fluss“ von Christine Biehler), andererseits lässt sich daran ein Problem der postfordistischen Arbeitsorganisation ausmachen, indem keine Fähigkeit vor der Arbeit und dessen Markt vorborgen bleiben darf und in Selbstaufopferung das Selbst in völlige Erschöpfung treibt (Christina Griebel).
Ob und welche Bedeutungszusammenhänge sich für Kinder in der Grundschule und deren Kunstunterricht ergeben war Thema der Sektion Künstlerisches Lernen in der Kindheit. Dabei wurde von Andreas Brenne die immer wieder aufkommende Frage gestellt, ob Kinder Kunst machen. Neben dem Verweis auf die Kunsterziehungsbewegung – die ob ihrer Verwobenheit mit dem deutschen Antisemitismus und völkischen Nationalismus Anfang des 20. Jahrhunderts zurecht kritisiert wird, entwickelte er eine Argumentation, aus dem Prozess des künstlerischen Denkens, mit der er postulierte „Kinder machen Kunst…“. Welche inhaltliche Abgrenzungen tatsächlich zur Kunstbewegungserziehung getroffen werden ist mir im Moment nicht klar, aber ich werde in diese Richtung weiter recherchieren.
Weiter ging es mit dem Künstlerischen Lernen im Jugendalter. Die Referenten stellten die Besonderheiten dieses biografischen Abschnittes, die Schwierigkeiten und Möglichkeiten für stattfindende Kunstrezeption und gestalterisches Arbeiten heraus.
Bei der Akademischen Ausbildung wurden mehrere Aspekte und Problemstellungen aufgegriffen. Einerseits stellte Marie-Luise Lange ein interdisziplinäres Projekt mit Studierenden der Kunstpädagogik und der Gemeinschaftskunde vor, indem eine Schnittstelle zwischen ästhetischem und aufklärerischem Denken erfragt und versucht wurde. Stefan Hölscher eröffnete das widersprüchliche Feld, in dem die Kunstpädagogik an Hochschulen (gerade an den Kunstakademien) agiert/ agieren muss: 1. der Primat der künstlerischen Bildung; 2. pragmatische Berufsvorbereitung. Und Wolfgang Sautermeister proklamierte mit einer Perücke, zu Musik auf dem Paneltisch stehend „Kunst als Wagnis“ zu sehen und zu betreiben, wobei er auf die von Stefan Hölscher problematisierten Rahmenbedingungen einging und versuchte die Perspektive Studierender widerzuspiegeln.
Ulrike Kahmann machte im Bereich der Referendarausbildung deutlich, dass die Bedingungen der zweiten Phase der Lehrerausbildung in keiner Weise an Bildungsidealen der Kunstpädagogik einhalten kann, was von ihr gefordert und postuliert wird. Die anderen beiden Vorträge von Rolf Niehoff und Gerd-Peter Zaake trugen sich eher die Soll-Sätze und Ziele in der Referendarausbildung vor, wobei dies gerade bei angehenden Kunstlehrer_innen auf großen Einspruch stieß bezogen auf die gemachten Erfahrungen und die Realität der Ausbildungssituation. Eine für mich gänzlich neue Perspektive wurde mit dem darauffolgenden Panel Künstlerisches Denken, künstlerische Erkenntnis eröffnet, bei dem zunächst Leandra Bucher aus kognitionspsychologischer Perspektive Kreativität vorstellte, wie jene sich von anderen kognitiven Fähigkeiten absetzte, und dann Matthias Vogel seine Überlegungen zu künstlerischem Denken offenlegte.
Der zweite Tag startete mit dem Bereich der Außerschulischen Kunstpädagogik für den drei Projekte vorgestellt wurden, die je mit einem Ausstellungsraum im Zusammenhang stehen. Beate Florenz erforschte mit Studierenden die Rezeption von Kunst im Schaulager Basel anhand von Selbststudien, Videos und Sprechsequenzen der Studierenden. Das Projekt Schirn macht Schule wurde von Fabian Hofmann vorgestellt, bei dem ein wichtiger Fokus auf dem Lernen im Museum und dem Umgang mit dem Original liegt, was nicht heißt, dass nicht auch gestalterisch gearbeiten werden kann. Nanna Lüths Vorstellung des Edith-Russ-Haus für Medienkunst betonte die Rollen von Künstler_innen in Institutionen der Kunstvermittlung und praktisch-gestaltenden Auseinandersetzungen, verdeutlichte aber welche Themen durch (Medien-) noch auf den Plan gerufen werden, wie Gewalt oder Sexualität.
Zu den Themen Internationale Kunstpädagogik und Künstlerischer Umgang mit Bildern, bin ich leider auf das Mitwirken anderer Teilnehmer_innen angewiesen oder Ihr erkundigt euch auf der Seite der Tagung und den Abstracts der Vorträge, da ich mir für diese Zeit eine Pause gönnen musste.
Zuletzt wurde mit Künstlerische Kunstpädagogik resumierend die Perspektive derselben und der Tagung diskutiert wurde. Wie künsterische Praxis und kunstwissenschaftliche Reflexion grundlage für jenes Konzept ist stellte Sara Hornäk exemplarisch an dem Projekt 2nd Nature vor. Die Grundannahmen und Rechtfertigungsproblematiken der Kunstpädagogik stellte Joachim Kettel vor, der sich dabei die erkenntnisgenerierende Kraft des künstlerischen Denkens eingebettet in einer vernunftgeleiteten Entwicklung des Menschen herausstellte. Er sowie Pierangelo Maset machte jene Ideale stark in Anbetracht des gegenwärtigen Verlusts an Aufklärung und Autonomie und zugleich voranschreitendem Neoliberalismus und Ökonomisierung aller Lebensbereiche.

Mein Résumé:
Die Form der Tagung bot trotz der zeitweiligen Öffnungen der Diskussion wenig Möglichkeiten sich mit einzubringen oder Fragen und (vermeintliche) Sachverhalte zu diskutieren, vorallem, wenn sich nicht häufig oder zum ersten Mal im kunstpädagogischen Diskurs eingebracht wird. An vielerlei Stellen hätte ich gerne auch andere Perspektiven eingebracht oder Begriffe und Positionen differenziert. An mancherlei Stelle, war mir nicht klar, wie manche Äußerungen zu verstehen seien. Leider konnte ich diesen Eintrag nicht mit den vorgestellten Beispielen illustrieren. In der Anfang nächsten Jahres erscheinenden Publikation zu der Tagung werden nach meinem Kenntnisstand aber auch Bildbeispiele enthalten sein.
Die Erfahrung ist für uns der Anlass, die Begriffe, die wir im fachbezogenen Diskurs verwenden zu erforschen und zu schärfen. Besonders interessant wäre für mich einerseits der Bezug zur Kunsterziehungsbewegung – also innerhalb der Fachgeschichte zu reflektieren und Kontinuitäten und Brüche aufzudecken. Andererseits eröffnete mir der Vortrag von Christina Griebel eine kritische Perspektive auf Kreativität und Selbstaufopferung, was ich gerne in Zusammenhang zum Bundeskongressthema Partizipation stellen würde.


1 Antwort auf „Künstlerische Kunstpädagogik“


  1. 1 Christina 28. November 2011 um 14:32 Uhr

    P.S.
    Die längere Pause nach 9 Stunden Vorträge in anderthalb Tagen war für mich, meinen Kopf und Rücken, absolut notwendig!

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